„Malta, prompt, l/c fo“ – diese für Außenstehende verwirrende Abkürzungen erscheint auf Gerd Meißners Monitor. Ein kurzer Blick darauf sagt dem Broker, dass ein Schiff derzeit frei in Malta liegt und auf der vorangegangenen Reise als letzte Ladung (last cargo) Schweröl, also fuel oil (fo), geladen hatte. Bis zu 400 solcher e-mails erhalten die HLL Brokers in Hamburg täglich als Positions- oder Ladungslisten.
Hanseatic Lloyd Brokers arbeitet als unabhängiger Befrachtungsmakler auch für flüssige Ladungen und Tankschiffe unterschiedlicher Größßenklassen, wie z.B. auch die Produkten- und Chemikalien-Tanker der Small-Handy-Size Klasse. Gerd Meißner, der von Petra Ramcke-Alt im
täglichen Befrachtungsgeschäft unterstützt wird, hat das Tanker Know-how gemeinsam mit Armin Gerdau in die HLL-Gruppe eingebracht. Neben der Exklusivbefrachtung mehrerer Produkten- und Chemikalien-Tanker von internationalen Reedern, sind HLL Brokers als competitive Broker tätig. Sie lassen sie sich Ladungen und Schiffe von Marktteilnehmern anbieten und versuchen beide danach zusammen zu bringen, und das im Wettbewerb zu anderen Befrachtungsmaklern.
Auf dem Bildschirm erscheint eine neue Position, ein Schiff, das im Schwarzen Meer frei wird. Gerd Meißner greift zum Telefon und kontaktiert den Reeder. Er hat einen Ladungsaccount an der Hand; der eine Partie Marinedieselöl, die von Georgien nach Malta verschifft wird. Das könnte für ihn jetzt das passende Schiff sein.
Im Tankschifffahrtsmarkt werden Schiffe gesucht für den Transport der verschiedensten Produkte: Zum Beispiel vom Rohöl über Produkte, wie Benzin, Gasöl und Naphta zu Basisölen für die Schmierölherstellung, medizinische und technische Weißöle, IPA (Isopropyl Alcokol), N-Heptane und N-Paraffine, Isobutanole, Styrol oder auch Pflanzenöle und viele mehr.
Die Angebote treffen per Positions- und Ladungslisten meistens als e-mail bei den HLL Brokers ein. Diese Listen enthalten die Positionen von frei werdenden und nach Beschäftigung suchenden Schiffen. Auf der anderen Seite suchen
Ladungseigner ein passendes Tankschiff für ihren Transport. Ein Broker versucht dann die Interessen der beiden Parteien zu vereinbaren. Da ist umfassendes Know-how und langjährige Erfahrung und Fingerspitzengefühl gefordert. Zu den Kunden des Brokers gehören Befrachter – Händler ebenso wie Ölgesellschaften – und Reeder. Ein Broker muss die „eigenen“ Schiffe ins Gespräch bringen, potenzielle Kunden mit allen nötigen Informationen und Veränderungen des Marktes versorgen, umfassende Unterstützung liefern und sich selbst über die Entwicklungen am Markt auf dem Laufenden zu halten.
Beschäftigung der Tanker
Eine, wie im Containerberiech eher typische Form der Baschäftigung, nämlich die Zeitcharter, stellt im Tankermarkt, insbesondere im Segment der kleineren Schiffe, eher die Ausnahme dar. Die meisten Schiffe werden „Spot“ oder unter Kontrakten beschäftigt. Zum Beispiel werden für die vier Produkten- und Chemilalien-Tanker der Hanseatic Lloyd Gruppe in der Untervercharterung Perioden die im Regelfall ein Jahr betragen festgelegt. Bei Neuverhandlungen für diese Schiffe steht HLL Brokers dabei im Wettbewerb mit anderen Befrachtungsmaklern „Wir sind dabei nicht allein auf dem Markt und die MCT-Tanker sind frei verhandelbar, auch wenn es HLL-Schiffe sind.“
Im Öl-bzw Produkten- Geschäft dominiert ansonsten die Reisecharter, sprich der Spotmarkt. Der Reeder verchartert sein Schiff lediglich für eine Reise, die manchmal nur drei bis fünf Tage dauert. Das Schiff wird also kurzfristig am Markt erneut teilnehmen. Kann dann, wo es liegt aufhält und frei wird, sofort eine neue Beschäftigung annehmen.
So wie das Schiff in Malta, das Gerd Meißner an diesem Freitag angeboten wird. „Es ist nicht einfach, sich ein Bild über die Situation des Reeders zu machen, ob er gezwungen ist, bis Montag Ladung für sein Schiff zu bekommen.“ Im Gespräch mit dem Reeder versucht Ger Meißner dies herauszufinden. Und er erfährt, dass dem Schiff noch weitere Angebote vorliegen; der Reeder also die Wahl hat, was die Verhandlungen erschwert.
Exklusiv befrachtet HLL Brokers dagegen die Schiffe der belgischen Reederei Somers. Die „MT Equinox“ und die „MT Valerie“. Letztere hat Gerd Meißner gemeinsam mit der Reederei entwickelt. Ein Schiff, das mit hochwertigen Duplex-Edelstahltanks ausgerüstet ist und über die Eisklasse 1 A verfügt. Zu der „MT Valerie“ wird im September dieses Jahres mit der „MT Moyra“ ein Schwesterschiff dazukommen. Beide Schiffe hat HLL Brokers in Zeitcharter an den größten Chemikalienoperator Stolt-Nielsen vermittelt. Der setzt die „MT Valerie“ derzeit auf der Fahrt von Südafrika zur Ostküste Indiens für den Transport von Phosphosäure ein, die dort als Düngemittel genutzt wird. Dabei fährt der Tanker konsekutiv. Das heißt, das Schiff ist eine Strecke beladen und eine Strecke im Ballast unterwegs. Gelegentlich nimmt das Schiff aus dem Arabischen Golf eine Rückladung Natronlauge und Chemikalien für Ost- und Südafrika an Bord. Die „MT Equinox“, fuhr sechs Jahre lang für einen polnischen Befrachter Rohöl im Shuttleservice zwischen Kaliningrad und Danzig und wird nun von dem selben Befrachter im Spotgeschäft für dunkle Produkte eingesetzt. Das Schiff läuft in Kurzzeitcharter für jeweils einen bis zwei Monate, bevor es wieder neu verhandelt wird. „Dabei geht es dann im Wesentlichen nur noch um die Rate“.
„Marktreports und tägliche Informationen aus den Gesprächen mit Reedern, Brokern und Verladern zeigen uns, wie sich die Raten für einzelne Schiffstypen entwickeln.“ Im Gegensatz zu der Containerschifffahrt werden bei kleineren Tankern im Wesentlichen Frachtraten quotiert und seltener TC-Raten.
Das richtige Schiff für eine bestimmte Ladungsposition zu finden, ist nicht immer einfach. Wer zum Beispiel im Sommer ein Schiff für den Transport von Bitumen aus der Karibik nach Nigeria bekommen will, muss lange suchen, denn im Sommer ist Bitumensaison und diese speziellen Tankschiffe daher sehr gefragt. Ebenso schwer ist es für den Anbieter, der eine Partie Marinediesel von Georgien nach Malta verschiffen will. „Die im Schwarzen Meer verkehrenden Schiffe verlassen oftmals nicht das Fahrtgebiet und verkehren nur regional. Es ist daher schwieriger, Tonnage zu finden, die eine Region verlässt.“ Neben Zeitcharter und dem Spotmarkt, sprich Charter für wenige Tage oder nur eine Reise, gibt es noch die Mengenkontrakte (COA = Contract of Affreightment). Solche werden mit großen Ölfirmen oder mit Händlern abgeschlossen, wobei festgelegt wird, das pro Jahr eine bestimmte Menge verschifft werden soll; in bestimmten Lot-Größen, die dann ratierlich auf die Monate verteilt werden. Die Schiffe werden dann nach Bedarf vom Charterer abgerufen, häufig mit der Option, in verschiedenen Häfen zu löschen. Für den Reeder bedeutet ein solcher Kontrakt eine gewisse Beschäftigungssicherheit. Dafür muss er seine Schiffe aber auch jeweils rechtzeitig abrufgemäß zur Verfügung halten.
Wenn dann ein Schiff oder für eine Ladung ein Schiff in den Mainterms geschlossen, also eine Charter ausgehandelt wurde, ist für den Broker die Arbeit noch nicht getan. In zum Teil langwierigen Verhandlungen werden Details und Klauseln, das Kleingedruckte besprochen und fest vereinbart. Ist der Abschluss dann getätigt, wird der Charterer regelmäßig über die Position des Schiffes unterrichtet sowie über Lade- bzw. Löschzeiten. Ergänzend dazu erstellt HLL Brokers eine Zeitkalkulation, um den Verlader auf gegebenenfalls anfallendes Liegegeld vorzubereiten. Liegegeld ist eine Vergütung des Befrachters an den Reeder, falls vereinbarte Lade- und Löschzeiten überschritten werden. Für HLL Brokers gehört das Operating sowie die Beratung über die Dokumentenabwicklung sowie bei Ladungs-Claims als Dienstleistung für den Kunden dazu.
Für die Vermittlung erhält der Broker eine Kommission, die bei Reisecharter auf die Bruttofracht berechnet wird und bei Zeitcharter auf der Tagesrate basiert. Die Kommission bezahlt übrigens immer der Reeder. Davon lebt ein Broker. Aber, „wer im competitive Geschäft tätig ist, muss auch lernen, mit dem Misserfolg
zu leben“. Nicht immer gelingt ein Ab-schluss. „Wenn einmal ein Abschluss durch die Lappen geht, wird analysiert, warum es nicht geklappt hat. Auch das gehört zur Nachbereitung: Rückschlüsse ziehen, um beim nächsten Mal noch besser zu sein um das Geschäft zu machen.“
Auf dem Monitor erscheint eine neue e-mail mit der Positionsliste. Gerd Meißner greift zum Telefon, denn „Friday is fixing day“, da manch ein Reeder in Spot-Positionen vor dem Wochenende schwach wird.